Bereits am Flughafen in Peking händigte mir eine freundliche Asiatin von British Airways ein Papier aus, dem zu entnehmen war, dass der gastronomische Service für Langstreckenflüge noch immer nicht wiederhergestellt sei. Auch wenn ich mir einbilde, für Luxus wenig empfänglich zu sein, machte sich doch eine gewisse Enttäuschung breit.
Wann habe ich schon einmal die Möglichkeit, mich in der Business-Class verwöhnen zu lassen?
Die Maschine von Peking nach London war bis auf den letzten Platz ausgebucht. Ich hatte es allerdings auch nicht anders erwartet, denn bereits bei der Buchung hatte es Probleme gegeben, für diesen Montag noch einen Flug zu bekommen.
Für all diejenigen, die noch nie in der Business-Class geflogen sind sei gesagt, dass sich die Bestuhlung im Gegensatz zur Holzklasse recht komfortabel gestaltet: Die Sessel lassen sich per Knopfdruck in ein Bett verwandeln, allerdings sind sie im Gegensatz zur First-Class aus Effizienzgründen versetzt angeordnet, so dass man dem Nachbarn von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzt.
Kurz nach dem Start hatte mein Sitznachbar auch schon die Details der Bedienung des Sessels herausgefunden und begann alle Möglichkeiten auszuloten. Ich entspannte mich derweil und brachte den Sessel in eine bettähnliche Konfiguration. Als ich mit geschlossenen Augen vor mich hindämmerte, spürte ich plötzlich an meinem rechten Arm etwas Kaltes, Feuchtes. Als dieses unangenehme Gefühl auch nach etlichen Augenblicken nicht nachlassen wollte, öffnete ich die Augen und entnahm den hektischen Bewegungen meines Sitznachbarn, dass er seinen Wasserbecher auf mich und meinen geliebten Sessel verschüttet hatte.
Kurze Zeit später war auch schon eine der Stewardessen zur Stelle und begann meinen Sitz notdürftig zu trocknen und eine zusätzliche Decke auf den Sitz zu legen, damit ich es auch weiterhin bequem haben möge.
Ich versicherte allen Beteiligten soweit es mir mit meinen begrenzten Fähigkeiten der englischen Sprache eben möglich war, dass alles halb so wild sei. Ich begann allerdings darüber nachzudenken, wie es meinem Nachbarn wohl gelungen war, seinen Becher so zu platzieren, dass er auf meinen Sitz hatte fallen können. Denn das Abstelltablettchen für die Becher ist derart angebracht, dass eigentlich gar keine theoretische Möglichkeit besteht, dass er so mir nichts dir nichts auf den Nachbarsitz gelangen kann. Ich kam also zu dem Schluss, dass er den Becher wohl auf die Armlehne gestellt haben musste.
Doch auch die Armlehne ist recht breit und daneben befindet sich eine kleine Trennwand, so dass es eigentlich auch hier schwierig schien, den Becher bin zum Sitznachbarn zu befördern. Ich wollte die Gedankenspiele schon beenden, beschloss dann aber, meinen Becher probehalber auch einmal auf die Armlehne zu stellen. Völlig problemlos. Nicht der Hauch einer Gefahr für den Nachbarn.
Ich stellte meine Gedankenexperimente ein und lehnte mich wieder zurück in den Sessel. Der Sitz war schon wieder so gut wie trocken.
Mein anderer Nachbar zur linken Seite des Ganges war gerade damit beschäftigt, sich seiner Schuhe zu entledigen und diese in einem Fach im Stuhl zu verstauen. Dieses Fach hatte ich noch gar nicht entdeckt und so begann auch ich, meine Turnschuhe auszuziehen und diese in das Fach zu quetschen. Als ich mich nach dieser erfolgreichen Prozedur wieder in meinen Sessel zurücklehnte, muss ich es auf irgendeine mir bis zum jetzigen Augenblick rätselhafte Weise geschafft haben, meinen beinahe vollständig gefüllten Wasserbecher umzustoßen und zwar in der Art, dass er sich komplett auf meinen dösenden Sitznachbarn ergoss. Das Blut schoss mir in den Kopf und es dauerte auch nicht lange, bis er das Unheil bemerkte.
Ich entschuldigte mich vielmals, aber die Art seines Blicks schien mir ein wenig unheimlich, denn es lag nicht etwa Vergebung darin, sondern eine Art von Ärger, als hätte ich den Becher absichtlich umgestoßen.
Die gleiche Stewardess, die auch schon die erste Situation professionell gelöst hatte, machte sich nun daran, den Sessel meines Nachbarn trockenzulegen. Sie versuchte, dem ganzen eine humoristische Note zu verleihen, mein Nachbar aber blieb verstimmt. Er bestellt sich ein Bier und ich orderte einen Rotwein, um mich wieder ein wenig zu beruhigen.
Die Stewardess brachte uns die Getränke und ich wollte dieses Mal auf Nummer sicher gehen und klappte den großen Tisch für das Essen auf, der in der Armlehne untergebracht ist, um den Wein dort sicher abzustellen. Kurze Zeit später wurde das dürftige Bordessen gebracht und ich begann, nun auch den Bildschirm in Position zu bringen, um das angekündigte Unterhaltungsprogramm ab Bord nicht zu verpassen. Der Bildschirm klemmte allerdings ein wenig und als ich ihn dann endlich mit einem Ruck aus der Parkposition löste, stieß ich derart unglücklich mit meinem Ellenbogen gegen meine Weinflasche auf dem Tisch, dass sie nach kurzem Trudeln kopfüber auf dem teuren Anzug meines Nachbarn zum liegen kam. Ich hatte die Flasche leider nicht zugeschraubt und so hatte sich bereits eine erkleckliche Menge auf den Anzug und das weiße Hemd ergossen, bevor ich die Flasche unter Kontrolle bekam. Mein Sitznachbar sprang entsetzt hoch und starrte abwechselnd auf seinen Anzug und auf mich. Mir hatte es die Sprache verschlagen und ich brachte lediglich ein paar zittrige Gesten der Unschuld zum Ausdruck und deutete auf den Bildschirm, doch mein Nachbar war schwer wieder zu beruhigen. Er tobte zur Bordtoilette um zu retten, was zu retten war, doch auch als er nach etlichen Minuten wieder zum Vorschein kam, sah der Anzug nun eher noch schlimmer aus und er schien sich auch kaum beruhigt zu haben. Wutschnaubend setzte er sich wieder auf seinen Sitz und trank von seinem Bier. Ich schob den Bildschirm verschämt zurück in die Ausgangsposition und versuchte mich zu entspannen und mich mit meinem Auftritt als Bordtrottel zu arrangieren. Ich brachte den Sitz wieder in Schlafposition und blieb regungslos, um kein weiteres Unheil anzurichten.
Kurz nachdem ich die Augen geschlossen hatte und den Himmel, dem wir ja doch recht nahe waren, um Vergebung gebeten hatte, spürte ich, wie etwas auf meiner Brust landete und das Bier meines Nachbarn ergoss sich über meinen Oberkörper. Er sah triumphierend zu mir herüber und heuchelte eine Geste der Unschuld. Ich war ein wenig perplex, denn es war offensichtlich, dass er den Becher mit Absicht zu mir herübergeworfen hatte. Die Stewardess kam herbei und sah sich die ganze Bescherung ungläubig an. Ich weiß nicht, wie oft ihr derartiges in ihrem Berufsleben schon widerfahren war, aber sie sah mich an für eine Weile an und sagte dann, heute sei wohl nicht mein Glückstag.
Ich erwiderte, so etwas könne ja passieren und ich hätte noch ein trockenes Kleidungsstück im Handgepäck. Mein Nachbar lächelte zufrieden und bestellte sich noch ein Bier. Ich orderte noch eine Flasche Wein nachdem ich der Stewardess versichert hatte, dieses Mal besonders aufzupassen. Das Grinsen meines Nachbarn sorgte aber dafür, dass ein Gefühl in mir aufstieg, das ich bisher noch gar nicht an mir kennen gelernt hatte und ich auf Rache sann.
Als die Stewardess mit dem Tablett, auf dem sich die gefüllten Becher befanden zu uns zurückkehrte, schob ich mit dem Fuß mein Handgepäck, das ich vor meinem Vordersitz deponiert hatte soweit auf den Gang, dass sie mit einem Fuß hinterhakte und ins Stolpern geriet. Mit deutlicher Panik in den Augen sah ich sie wie in Zeitlupe auf mich zu stürzen und duckte mich gerade noch rechtzeitig, so dass das Tablett bis zu meinem Nachbarn flog und er die Ladung der beiden Becher abbekam. Er tobte vor Wut und brüllte die Stewardess an, sie solle neue Getränke holen. Die arme völlig verschüchterte Person wehrte sich kurz, um schlimmeres zu vermeiden, brachte dann aber ein neues Bier. Mein Nachbar stürzte den halben Becher herunter, und ging anschließen mit dem Becher zur Toilette und verschwand für einige Minuten.
Meine Aufregung hatte sich mit jeder Flasche Wein die ich trank ein wenig gelegt und ich begann, mich nun eher wegen dieser skurrilen Situation innerlich zu amüsieren. Allerdings merkte ich auch, dass ich wohl in der Zwischenzeit deutlich zuviel Wein getrunken hatte, denn eine Übelkeit stieg in mir auf, die mich jede kleine Turbulenz in die das Flugzeug geriet, in der Magengegend spüren ließ.
Als mein Nachbar auch nach einigen Minuten noch nicht zurückgekehrt war, keimte in mir schon die Hoffnung auf, er würde sich wieder einkriegen, aber just in diesem Augenblick flog die Tür der Toilette auf und ich stellte fest, dass diese Hoffnung unbegründet war. Sein Becher war wieder randvoll und mir schwante nichts Gutes. Er gab sich auch keinerlei Mühe, seine Absicht zu verschleiern, kam direkt bis zu mir und kippte den Inhalt seines Bechers über mich aus. Anschließend setzte er sich schnaufend in seinen Sessel als hätte er eine große sportliche Leistung vollbracht.
Der säuerliche Geruch von Bier und Urin, der nun aufstieg war nun aber auch für mich zuviel und ich konnte das Gefühl der Übelkeit nicht weiter zurückhalten: Ich erbrach einen erklecklichen Schwall von Rotwein und Bordessen in den Schoß meines Mitreisenden.
Das Ganze hat sich so natürlich nicht zugetragen, aber langweilige Langstreckenflüge führen eben dazu, dass man sich den Flug ein wenig spannender ausmalt, als er sich in der Realität gestaltet. Lediglich der umgestoßene Becher Wasser meines Nachbarn entspricht der Wahrheit und hat sich wirklich auf meinen Sitz ergossen. Jetzt wo ich diese Zeilen geschrieben habe, dürfte aber auch der letzte Tropfen bereits verdunstet sein.