Montag, August 29, 2005

Die Stadt der Enten und Suppen

Wenn ihr diese Zeilen lesen könnt, dann habe ich es geschafft, den „verbotenen“ Internetzugang der Bank zu nutzen, um das neueste aus aller Welt zu berichten.
Mich hat es, wie es die knobelbegabten unter euch sicherlich schon anhand der diversen Hinweise in der Überschrift erraten haben dürften, nach Peking verschlagen.
Der Flug mit British Airways sollte an sich recht angenehm werden, da man mir für diese Reise sogar Business Class spendiert hatte. Doch bereits als ich mich um halb sechs morgens zum Flughafen gequält hatte und das Abflugterminal betrat, stimmte mich Nachdenklich, dass der Schalter von BA nicht besetzt war. Es stellte sich alsbald heraus, dass mein erster Flieger von Hamburg nach London es am Vorabend nicht geschafft hatte, vor dem nächtlichen Flugverbot in Hamburg zu landen, so dass ich kurzerhand in eine Lufthansamaschine umbuchen musste. Gleich Schicksal teilten selbstredend die übrigen Passagiere der Maschine, so dass es dann auch recht gemütlich wurde.
Durch die Umbuchung konnte auch mein Gepäck nicht weitergeleitet werden, so dass ich mich im London von Terminal 2 mit der Laptoptasche und meinem schönen Rollkoffer nach Termin 4 auf den Weg machen musste. Und all denen, die diesen weitläufigen Flughafen noch nie selbst besuchen durften sei gesagt, dass es dabei nicht nur gilt, etliche Kilometer fußläufig zurückzulegen, sondern ebenso eine kleine Strecke mit dem Zug.
Angekommen wollte ich meinen lang gehegten Wunsch verwirklichen, mich in der Business Lounge nach Strich und Faden mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnen zu lassen. Doch auch daraus wurde nichts, denn wie mir die höfliche Dame am Einlass mitteilte, war der Gastronomieservice für die Lounge und das Essen an Bord im Streik. Wie ich messerscharf kombinierte, musste ich also nicht nur in der Lounge, sondern auch auf meinem Flug nach Peking auf fürstliche Bewirtung verzichten. Somit stellte sich der Flug mit Lufthansa im Nachhinein also doch in dieser Beziehung als Glücksfall heraus, denn dort hatte ich zumindest noch ein Frühstück bekommen.
Ich habe mir dann den Flug damit versüßt, meinen Sessel an Bord ständig von einem gewöhnlichen Sitz in ein Bett zu verwandeln und umgekehrt – denn das ist heutzutage möglich, Wahnsinn. Sitz, Bett, Sitz, Bett, Sitz, Bett, Sitz, Bett, Sitz, Bett, Sitz, Bett usw. Die zehn Stunden vergingen wie im Flug…
In Peking angekommen, versuchte man mir am Flughafen ein Taxi für die Fahrt zum Hotel für 400 Yuan anzudrehen. Ähnliches war mir in Cheng Du auch schon aufgefallen: Diese kleinen Chinesen können ganz schön biestig sein. Ich musste also wohl oder übel meinen Chef um sechs Uhr morgens aus dem Bett klingeln, um mich nach dem üblichen Tarif zu erkundigen: 120 Yuan. Na also. Los ging es über die Flughafenautobahn Richtung Innenstadt, vorbei an einer Betonwüste wie von Stalin persönlich diktiert.
Das Hotel sah sehr merkwürdig aus und als ich es betrat, war auch von einer Rezeption oder ähnlichem nichts zu sehen. Es stellte sich aber heraus, dass der Taxifahrer mich am Hintereingang abgesetzt hatte, so dass ich dann doch noch zur Rezeption fand, wo man mir mitteilte, mein Zimmer sei noch nicht hergerichtet. Nicht so schlimm dachte ich mir, denn ich wollte eigentlich nur mein Gepäck dort abstellen und kurz duschen, weil die insgesamt 18 (+6) Stunden der Fliegerei mich als ein Wrack in Kleidung zurückgelassen hatten.
Den Gedanken an das Duschen habe ich dann aber ganz schnell wieder verworfen, nachdem ich das angebliche Nichtraucherzimmer betrat. Dieses roch nicht nur nach einer abartigen Mischung von Zigaretten und undefinierbaren Körpergerüchen, sondern sah auch dementsprechend aus:
Dieses Bild gibt es nicht wirklich wieder, also glaubt mir einfach. Ich benutze jetzt auch zum ersten Mal diese komischen weißen Einweg-Hausschuhe die es hier immer gibt, weil der Teppich überall von sehr seltsamen Flecken übersäht ist.
Im Nachhinein muss ich feststellen, dass ich für jeden Zimmerservice wirklich ein Traumgast bin, weil ich mich immer eher wie zu Besuch im Hotel fühle und alles heil lasse.
Also bin ich gleich wieder ungeduscht runter zum Frühstück, denn dort sollte ich mich ja um acht Uhr mit meinem Chef Michal Li treffen. Die Chinesen haben zumeist einen englischen Wunschnamen, damit es die Ausländer nicht so schwer haben.
Zum Glück konnte ich um halb neun dann doch noch kurz unter die Dusche, bevor es dann zur Arbeit ging.
Der Arbeitstag war zum Glück sehr entspannt, meine Aufgabe wurde mit dem Wort „Standby“ betitelt, was also so etwas bedeutet wie: Herumsitzen und warten, bis jemandem einfällt, was ich vielleicht tun könnte. Es fiel aber niemandem etwas ein.
Ich erledigte meinen Job wie immer aufs allerbeste, mehr wäre aber auch von meiner Seite nicht drin gewesen, nach zwei Nächten quasi ohne Schlaf. Also um 18 Uhr ab ins Wochenende.
Obwohl ich wie immer nur ein paar Tage vorher Bescheid bekommen hatte, dass ich wieder in die weite Welt hinaus solle, habe ich mir vor der Abreise noch schnell einen Peking-Reiseführer erworben und diesen am Samstag sogleich ausführlich genutzt: Nachdem ich mein Hotel auf dem Stadtplan im Führer gefunden hatte, habe ich mich entschlossen Peking zu Fuß zu erkunden. Ich wollte eigentlich die großen Straßen meiden und bin gleich hinter dem Hotel in ein paar kleine Gassen geraten, in denen gerade Markt war.
Das Markttreiben selbst habe ich nicht Fotografiert, irgendwie kommt man sich doch etwas komisch vor, wenn man die ärmsten der armen Chinesen dabei fotografiert, wie sie am Boden sitzen und versuchen, wenigstens die eine oder andere Hülsenfrucht verkaufen zu können, um den Nachwuchs versorgen zu können.
Um mich nicht gänzlich zu verlaufen und mir dieses Elend nicht weiter ansehen zu müssen, bin ich in der Folge nur noch die ganz großen Prachtstraßen entlang flaniert.
Nach ein paar Ecken wurde ich von drei blutjungen Kunststudentinnen angesprochen, die mir ihre Abschlussausstellung zeigen wollten. Obwohl eine der Chinesinnen sehr gut Englisch sprach, kam mir das Ganze gleich etwas spanisch vor.
Da ich aber ohnehin nichts Konkretes vorhatte, ließ ich mich von den Damen zu einem entfernten Hochhaus in den neunten Stock führen, wo sie mir allerlei kitschige chinesische Kunst zeigten. Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass sie nun endlich versuchen würden, mir das ein oder andere Bild anzudrehen… und so kam es.
Ich hatte mir schon die passende Ausrede überlegt, nämlich dass ich gar nicht genug Geld dabei hätte, aber letztendlich überredeten sie mich, ein Bild schon mal anzuzahlen, was ich dann auch tat. So opferte ich 20 Yuan für die Kunst im Allgemeinen und die drei Studentinnen im Speziellen, die aber sicherlich von ihrer Chefin nichts von dem Geld abbekommen haben, sondern gleich wieder auf die Strasse geschickt wurden. Bis zuletzt habe ich allerdings nicht herausfinden können, ob die Bilder wirklich von denen gemalt worden sind, oder ob es sich zum Beispiel lediglich um Kopien aus irgendwelchen Büchern handelt, wie ich stark vermute.
Gestärkt durch den kühlen Ausstellungsraum machte ich mich weiter auf den Weg durch die brütende Mittagshitze in Richtung "verbotene Stadt", so heißen die kaiserlichen Tempelanlagen.
Ich hatte es eigentlich gar nicht so sehr auf den Tempel an sich abgesehen, sondern vielmehr auf die Parkanlagen hinter dem Tempel.
Es scheint allgemein ein sehr beliebtes Motiv zu sein, sich mit dem chinesischen Führer vor dem kaiserlichen Tempel ablichten zu lassen.
Gegenüber ist übrigens der Platz des himmlischen Friedens, der an diesem Samstag wirklich friedlich war:
Nachdem ich mich ein mickriges Stück in die verbotene Stadt hineingekämpft hatte, hielt ich den Menschenmassen nicht weiter stand und machte mich auf den Weg in Richtung Park.
Leider habe ich aus unerfindlichen Gründen den Südeingang des Parks verpasst, so dass ich einen klitzekleinen Umweg von etwa drei Kilometern machen musste, um dann den Park durch das Westtor zu betreten.
Der Park verfügt wie ihr seht über einen großen See, auf dem man mit allerlei Booten schippern kann.
Im Norden des Sees gibt es einige Pavillons, in denen von Einheimischen Live-Musik dargeboten wird.
Nördlich des Parks liegt die neue Kneipengegend, die sich um die drei Seen in der Stadt windet. Wer sich nicht zu schade ist, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, kann auch diese Seen per Boot erkunden:
Zwischen den ersten beiden Seen befindet sich eine Marmorbrücke und gleich daneben beginnt quasi das Schanzenviertel Pekings. Ich bin gleich in die erste Kneipe eingekehrt, von der man einen schönen Blick über den See hatte.
Die Einrichtung erinnert an die Kolonialzeiten und die Musik war auch vom allerfeinsten.
Endgültig überzeugte mich der Laden, als die Bedienung mit einer selbst gebrannten CD zum Nebentisch ging und ich darauf den Schriftzug „Jeff Buckley – Grace“ erkennen konnte.
Auf dem Bild erkennt man in der rechten Ecke einen gealterten Punk aus England, der sich um die musikalische Früherziehung einer chinesischen Undergroundband kümmerte. Die beiden Jungs von der Band tranken allerdings nur Cola, während er abwechselnd wilde Geschichten aus seinem Leben preisgab, Cocktails trank und dementsprechend ungehemmt zur Musik von Velvet Underground mitsang.
Hier kann man diese schöne Kneipe noch einmal von außen erblicken:
Ich werde auf jeden Fall noch einmal dort in die Gegen gehen, denn ich habe später noch allerlei Lokale entdeckt, bei denen man auch hervorragend draußen auf einem Sofa mit Seeblick die Zeit verstreichen lassen kann.
Am Sonntag habe ich nach einem ausführlichen Frühstück den zweiten im Peking-Führer gepriesenen Stadtspaziergang gemacht, mich aber sogleich verlaufen und daher auf eigene Faust die kleinen Gassen und Marktstraßen erkundet, die es in unmittelbarer Nähe zum Platz des himmlischen Friedens noch gibt.
Es ist hier in der Zwischenzeit derartig heiß und schwül geworden, dass man aus allen Poren schwitzt. Entlang dem Gurt meiner Umhängtasche hatte sich recht bald eine Salzkruste entwickelt, so dass ich mach nach ein paar Stunden zurück zum Hotel begeben habe.
Gelegentlich findet man, wie auf dem Bild zu sehen, in den noch erhaltenen alten Gassen Pekings auch illustrierte Anleitungen, wie man dem Gemeinwohl dienlich sein kann.
Gestern hatte ich mich nur von einem Bigmac-Menü bei McDonalds sowie einer Schüssel Erdnüssen ernährt, deshalb wollte ich den heutigen Sonntag ganz im Zeichen guten Essens verbringen. Zum Mittag bin ich im hoteleigenen Restaurant eingekehrt und habe mir ein paar undefinierbare Teigtaschen und Shrimps in Kokossoße bestellt. Obwohl ich mich ja für halbwegs geschickt mit den Essstäbchen halte, kam schon nach kurzer Zeit die Bedienung unaufgefordert mit Messer und Gabel angelaufen, weil sie mich wohl beim Öffnen der Shrimps beobachtet hatte.

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